König der Straßen

König der Straßen

 Strophe I: Sommer

Die Vögel zwitschern mich aus dem Schlaf. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages durchbrechen den Schleier der Dunkelheit und spiegeln sich im Wasser der sanft dahinfließenden Pegnitz. Ich bin ein glücklicher Mann, denn ich bin eins mit der Natur. Vorsichtig öffne ich den Reißverschluss meines Schlafsacks. Vorsichtig deshalb, weil manchmal klemmt er ein bisschen. Er hat auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Ich spüre die milde Morgenluft zu mir hereinkriechen. Heute wird ein schöner Tag, davon bin ich fest überzeugt.

Geübt verstaue ich den zusammengerollten Schlafsack in seiner Hülle und lege ihn hinter den Brückenpfeiler. Ein paar Kartons, die mir als Matratze dienten, klemme ich davor, dass man ihn nicht sehen kann. Ich habe noch eine halbe Brezel in meinem Proviantbeutel. Ein unachtsames Kind hatte sie gestern fallen lassen und die Mutter warf sie weg mit den Worten: „Die ist jetzt Bäh-Bäh!“ Frühstück, hmmm, wie selten. Frisch gestärkt mache ich mich auf den Weg, ich fühle mich wie der König der Straßen, der König der Straßen.

Wie jeden Morgen lese ich die Schlagzeilen der BILD-Zeitung. Sie springen mich durch das Plexiglas des Verkaufskastens an. Spätestens morgen werde ich sie ganz lesen können, wenn ich die heutige Ausgabe in einem Müllcontainer finde. Da sind immer so tolle Bilder von hübschen Frauen drin. Die schönsten davon trenne ich heraus, um sie in der Seitentasche meines Proviantbeutels zu sammeln, den ich immer bei mir trage. Er ist schon ganz abgewetzt, aber er hält noch und seit Jahren leistet er mir treue Dienste.

Eine halbe Stunde später schlendere ich über den öffentlichen Grillplatz der Pegnitzauen. Der Duft der dort ansässigen Kläranlage wabert über das Tal des Naherholungsgebietes. Das ist gut so, dann rümpfen die Leute schon nicht die Nase, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Gestern war ein sehr warmer Abend. Bestimmt waren viele Menschen mit Picknickdecken hier und ich werde einige leere Pfandflaschen finden, die achtlos zurückgelassen wurden. Leider hatte Diego dieselbe Idee. Diego ist ein illegaler Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung. Sogar auf der Straße nehmen einem die Ausländer die Arbeit weg!

(…)

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