Zu Höherem berufen

Zu Höherem berufen

(aus der Sicht eines Tafelschwamms)

Als ich das Licht der Welt erblickte, war mir der Sinn meines Lebens alles andere als offenbar. Ich wusste ja noch nicht einmal, wer ich war. So lag ich da und begann den Dingen einen Namen zu geben: Ich fühlte mich fluffig und eckig, knuffig und löchrig und neben mir lag etwas, das genau so aussah, wie ich mich fühlte. Und über mir und unter mir und auf der anderen Seite neben mir auch. Dann schloss sich etwas über uns und es wurde dunkel. „Na toll“, dachte ich, „das war ein kurzes Leben“. Doch dann begann etwas zu zucken und zu schütteln, zu ruckeln und zu rütteln und ich nehme an, wir wurden auf eine weite Reise geschickt. Aneinandergeschmiegter Weise lagen wir Kante an Kante nebeneinander in unserer Fluffigkeit, bis wir an den Ort unserer Bestimmung gelangten: Eine Schule…

Man trennte uns und jeder bekam sein eigenes Reich – ein Klassenzimmer – in welchem wir fortan leben sollten, um Herrscher über eine saubere Tafel zu sein. So bekam auch ich einen Thron: Die Tafelschwammablage, wo ich stets thronte, wenn ich nicht gerade die Aufgabe ausübte, für die ich geboren wurde: Das Säubern der Tafel. Und so säuberte ich mit voller Inbrunst, sog Kreidestaub um Kreide-staub in mich hinein, um ihn im Würgegriff rauer Lehrerpranken oder zarter Kinderhände wieder auszuspeien.

Mein Leben war ein Hoch und Tief, und damit meine ich nicht das Auf und Ab beim Tafelwi-schen, sondern im Allgemeinen. Mal vergaß man, mich auszuwringen und ließ mich ein Wochenende lang im eigenen Saft schmoren, so dass am Montagmorgen ein Modergeruch die Nasen meiner Untertanen kitzelte. Dann wurde ich aber auch auf Reisen geschickt. Mal verliefen diese Reisen vertikal, indem ich immer wieder nach oben geworfen wurde, um die Decke des Klassenzimmers mit bunten Tupfern zu sprenkeln, mal verliefen sie horizontal, um der Fresse des Klassenstrebers „Hallo“ zu sagen und einen feuchten Gruß in sein Gesicht zu küssen. Das waren die schönen Momente…

Doch Kreidestaub um Kreidestaub zog die Zeit ins Land und ich wand mich und haderte mit meinem Schicksal. Nur Matheformeln, Geschichtsdaten und „wer das liest ist doof“-Sprüche wegzuwischen konnte nicht alles sein, dachte ich mir. Ich fühlte mich zu Höherem berufen und so verschrieb ich mich eines Tages der Kunst! Ich wollte Dichter werden! Myriaden von Worten hatte ich im Laufe meines Lebens schon aufgesogen und wieder ausgespieen und ich beschloss fortan, die guten in meinem Inneren aufzubewahren und nur die Worte, die mir ungeeignet schienen, wieder abzusondern. Und so speicherte ich Kreidestaub um Kreidestaub, Begriffe und Silben in meinen Kapillaren. Und es begann tief in mir ein Herz zu schlagen und dieses Herz hieß „Poesie“.

(…)

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